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"Drei Steine" von Nils Oskamp - ein autobiographischer Graphic Novel in der Gedenkhalle Oberhausen Gedenkstätten sind Orte des Erinnerns an die Verfolgten des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945. Viele Erinnerungsorte und Gedenkstätten machen sich jedoch auch zur Aufgabe, auf Extrem Rechte Bewegungen und ihre Gewalttaten aufmerksam zu machen. Ein Beispiel dafür ist die Sonderausstellung „Drei Steine“ in der Gedenkhalle Oberhausen.

Verfasst am 07. Oktober 2017

„Drei Steine“ ist ein Graphic Novel, das autobiographisch die Geschichte de Zeichners und Autors Nils Oskamp erzählt. Die im Buchformat herausgegebenen Zeichnungen werden als Graphic Novel bezeichnet, da sie über den künstlerischen Aspekt des Comics hinaus komplexe Zusammenhänge erzählen.

Die Bildersequenzen von Nils Oskamp sind an den Außenwänden der Gedenkhalle zu sehen. Die Gedenkhalle selbst ist den Themen Verfolgung und Propaganda in der NS-Zeit gewidmet. „Drei Steine“ erschien 2016 erstmals im Panini-Verlag. Der Autor und Zeichner Nils Oskamp wurde in den 1980er Jahren Ziel gewaltsamer, rechtsextrem motivierter Übergriffe. Alles beginnt, als Nils einem Klassenkameraden, der die Verbrechen der Shoah leugnet, widerspricht.

Die Zeichnungen und Texte berichten von Gewalt, von Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit und von den Strategien, die Nils Oskamp ergriff, um sich zu wehren und Unterstützung zu suchen..

Drei Steine als Motiv des Graphic Novel

Der Titel, „Drei Steine“ bildet einen Handlungsrahmen um die autobiographische Erzählung. Drei Steine hebt Nils Oskamp auf einem geschändeten jüdischen Friedhof auf. Dieses Erlebnis bildet den Beginn seiner Geschichte, die im Dortmund der 80er Jahre spielt, in dem Extrem Rechte Gruppen, etwa die FAP1, die in den Alltag des Nils Oskamps, vor allem in der Schule, eindringen.

Der erste Stein ist der Stein der Selbstverteidigung – als Nils auf der Kirmes von Neonazis bedrängt wird, greift er in seine Jackentasche und wirft einen der Steine einem Angreifer gegen die Stirn - dieser geht bewusstlos zu Boden. Nils ist auf Selbstverteidigung angewiesen, da er bis auf seinen Freund Thomas keine Unterstützung erfährt. Jedoch reflektiert er auch über das Für und Wider von aktiver Gewaltanwendung – in Wut gegenüber seinen Angreifern, aber auch in dem Wissen, dass er in seinem sozialen Umfeld kein Gehör findet.

Nachdem Nils einen Anschlag mit einer Schusswaffe nur durch Zufall überlebt, beschließt Nils Oskamp, sich den vermeintlichen Täter, einen Klassenkameraden, vorzuknöpfen. Nach einem Schlagabtausch nimmt Nils einen zweiten Stein, malt sich vor seinem inneren Auge aus, wie er den Anderen tot schlägt – und lässt den Stein zu Boden fallen, in Gedanken das Gebot „Du sollst nicht töten“. Der zweite Stein steht für die Entscheidung, aus der Spirale von Gewalt auszutreten. Dieser Entschluss führt Nils auf einen Weg, der ihn immer wieder vor schwierige Entscheidungen stellen wird, da er von Eltern und Lehrer_innen nicht gehört wird. Auch das Urteil nach einer Strafanzeige gegen die Neonazis fällt milde aus.

Jahrzehnte später reist Nils nach Yad Vashem, der zentralen Gedenkstätte des Staates Israel an die Shoah. Er kehrt an den Anfang seiner Geschichte zurück und legt zum Gedenken einen Stein am „Mahnmal für die Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime“ nieder.

Pädagogische Begleitung der Ausstellung

Begleitet wird die Ausstellung von einem pädagogischen Programm. Mareike Otters, Mitarbeiterin der Gedenkhalle Oberhausen, und Anke Hoffstadt, Historikerin und Pädagogin im Bereich der Präventionsarbeit gegen Rechts, haben hierfür ein Workshopkonzept erarbeitet, in dessen Rahmen Jugendliche Extrem Rechte Bewegungen erkennen lernen sollen, dafür sensibilisiert werden und zu eigenem Handeln befähigt werden sollen.

Die Erzählung Nils Oskamps zeugen von einem Gefühl der Hilflosigkeit, die der Autor empfand, als er zum Betroffenen rechtsextremistisch motivierter Gewalt wurde und von Familie und anderen Bezugspersonen nicht ernst genommen wurde. In den 1980er Jahren waren Opferberatungsstellen rar gesät. Der Workshop will dieses Gefühl der Ohnmacht brechen, will zu eigenem Handeln ermutigen. Ob dies das aktive Einschreiten beim Beobachten von Gewalt ist, das Kontaktieren einer Beratungsstelle oder ein strafrechtlicher Weg – es gibt zahlreiche Möglichkeiten, auf Rechte Gewalt aufmerksam zu machen und ihr entgegen zu wirken. Im Workshop diskutieren die Schülerinnen und Schüler verschiedene Optionen in verschiedenen Situationen durch.

Der Workshop greift die Konflikte aus „Drei Steine“ auf, aber geht auch darüber hinaus, fragt nach aktuellen Entwicklungen, nach der Rechten Szene im Jahr 2017 und danach, was wir heute gegen Rechte Gewalt tun können. „Der Workshop soll vermitteln, dass Nazis nicht nur mit Springerstiefeln und Glatzen auftreten“, so Anke Hoffstadt.

Der Graphic Novel erzählt die Geschichte eine Jungen, der in den 1980er Jahren rechtsextremer Gewalt erfuhr. Er war nicht Ziel von rassistisch motivierten Anschlägen, sondern fiel durch seinen Widerspruch gegenüber den Haltungen der Neonazis auf. Der Workshop legt nach der Auseinandersetzung mit dem Graphic Novel einen Fokus auf die Erzählungen von Betroffenen rechtsextremer Anschläge aus den letzten Jahren, die insbesondere rassistische Motivation hatten.

In den Workshop wurden Berichte von Menschen aufgenommen, deren Angehörige durch Neonazis ermordet wurden. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit den Stimmen von Semiya Şimșek von Tülin Özüdoğru. Ihre Väter, Enver Şimşek und Abdurrahim Özüdoğru, wurden vom "NSU" ermordet.

Der Bezug zur Ausstellung „Drei Steine“ wird im Workshop auch durch Steine greifbar gemacht, denn mit Steinen stimmen die Teilnehmer_innen an verschiedenen Stellen ab: etwa über die Frage, was ein typisches Erkennungsmerkmal Extrem Rechter Gruppen ist.

Die Schulklassen, die den Workshop besuchen werden, kommen von verschiedenen Schularten mit verschiedenen Hintergründen – etwa im Rahmen eines Projekttags oder mit dem Kunstkurs. Der zuweilen so empfundene „Pflichtbesuch“ einer Gedenkstätte im Geschichtsunterricht der neunten Klasse wird so gebrochen, „Drei Steine“ ermöglicht viele Perspektiven auf das Thema.

Die Extreme Rechte als Thema in der Gedenkstättenarbeit

Gedenkstätten nehmen sich zur Aufgabe, an die zwischen 1933 und 1945 im Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten zu erinnern. Viele befinden sich an Orten des Leidens, so auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager, oder in ehemaligen Gefängnissen, wie in Dortmund oder Köln. Dies sind Orte der Täter_innen und der Verfolgten.

Andere Gedenkstätten sind nicht an einen Ort geknüpft, an dem Menschen gelitten haben, aber sie bieten einen Raum zum Gedenken und zum Erinnern. Zudem sind Gedenkstätten wichtige Trägerinnen historischer-politischer Bildungsarbeit und haben das Ziel, zu informieren.

So nehmen sich manche Erinnerungsorte zur Aufgabe, über die Beschäftigung mit dem historischen Nationalsozialismus hinaus, die Extreme Rechte in den Fokus ihrer Bildungsarbeit zu nehmen und über Bewegungen, die die NS-Zeit glorifizieren und ihre Verbrechen leugnen, aufzuklären.

Die Gedenkhalle in Oberhausen ein solcher Gedenk- und Erinnerungsort. Seit den 1980er Jahren finden in der 1962 gegründeten Gedenkhalle immer wieder Ausstellungen statt, die auf die Gefahr Extrem Rechter Bewegungen hinweisen. Die Ausstellung des Graphic Novel „Drei Steine“, die zuvor in der „Alten Steinwache“ in Dortmund zu sehen war, bietet ein neues Format, mit dem die Initiator_innen erhoffen, ein vielfältiges, junges Publikum ansprechen wollen. Obwohl die Erzählungen des Zeichners Nils Oskamp eng an Dortmund geknüpft sind, seien seine Erlebnisse und die Themen, die sich durch das Graphic Novel ziehen, nicht an einen Ort gebunden, und könnten so an vielen Orten in Deutschland Thema sein, so Clemens Heinrichs, Leiter der Gedenkhalle.

Die in der Gedenkhalle ausgestellten Reinzeichnungen wurden bereits im Sommer 2016 in einer Ausstellung in der „Alten Steinwache“ in Dortmund gezeigt. Die Medienstationen zur Ausstellung, mit Interviews, begleitenden Dokumentationen und Bildern, wurden für die Gedenkhalle neu erstellt. Neben den Workshops für Schulklassen bietet das Begleitprogramm Vorträge, beispielsweise zur Neuen Rechten und zum Umgang mit Rechten Bewegungen in der eigenen Kommune – Themen, die nun einen konkreten Bezug auf Oberhausen nehmen. Passen dazu findet eine Projektwoche mit dem Sophie-Scholl-Gymnasium Oberhausen statt.

Einen Konflikt zwischen der Aufgabe der Gedenkhalle, ein Ort des Gedenkens zu sein, mit der Aufklärung über rechtsextremistisch motivierte Gewalt sieht Clemens Heinrichs nicht. Vielmehr hat die Gedenkhalle schon zuvor als Koordinierungsstelle des kommunalen Bündnisses gegen Rechts in Oberhausen fungiert. Hier haben bereits zahlreiche andere Projekte und Veranstaltungen zum Thema stattgefunden.

Seit 2016 finden Wechselausstellungen in der Gedenkhalle statt – der begrenzte Raum an den Außenwänden um das Carré in der Mitte wird hierfür vollständig genutzt. Die Extreme Rechte ist jedoch nicht das einzige Thema, das die Wechselausstellungen der Gedenkhalle in den Blick nehmen – im Jahr 2016 zeigte sie beispielsweise eine Ausstellung über Marlene Dietrich im Nationalsozialismus.

Die Beschäftigung mit der Shoah bedeute auch, sich mit jenen Bewegungen zu beschäftigen, die die Verbrechen des Nationalsozialismus leugnen. Im Graphic Novel wird zudem immer wieder der Bezug zum historischen Nationalsozialismus hergestellt. Dieser zeigt sich auf einer personellen Ebene statt, so etwa in der Rolle des älteren Lehrers, der sich als unverhohlener Verehrer der Wehrmacht zeigt. Es zeigt sich auch auf einer inhaltlichen Ebene, da die Neonazis völkischen Rassismus und Antisemitismus vertreten. Mit Bezug auf die Geschichte prangert Nils Oskamp die Verherrlichung von SS und Wehrmacht an, die durch das Tragen von NS-Abzeichen erkennbar ist.

Die Ausstellung „Drei Steine“ ermöglicht unterschiedliche Perspektiven auf die Extreme Rechte: einen autobiographischen Zugang, das Medium des Graphic Novels als künstlerische Form, sowie ein umfangreiches Begleitprogramm, das den Bezug zu aktuellen Fragestellungen sucht. Im pädagogischen Programm stehen Sensibilisierung und Empowerment im Vordergrund.

Bis zum 5. November ist die Ausstellung in Oberhausen zu sehen. Die Öffnungszeiten der Gedenkhalle sind Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, an Feiertagen ist die Gedenkhalle geschlossen. Der Eintritt ist frei.

1„Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“, Extrem Rechte Partei, die 1995 verboten wurde.

 Text und Bilder von Ida Forbriger

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