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Die Sammlung der Alten Synagoge - Zeugnis aus mehreren Jahrhunderten jüdischen Lebens in Petershagen Gedenkstätten und Erinnerungsorte widmen sich neben ihren Bildungsprojekten oft auch der historischen Arbeit anhand eigener Bestände oft persönlichen Dokumenten und Objekten. Deren Bedeutung zeigte die Ausstellung "Fundstücke aus dem Dritten Reich" der Alten Synagoge in Wuppertal. Auch andernorts betreuen Erinnerungsorte eigene Archive und Sammlungen, wie das Beispiel der Villa ten Hompel an dieser Stelle im Dezember zeigte. Auch im Dokumentationszentrum der Alten Synagoge in Petershagen befindet sich eine außergewöhnliche Sammlung von historischen Alltagsobjekten bis zu wertvollen jüdischen Kultgegenständen.

Verfasst am 22. Januar 2017

Unscheinbar verborgen zwischen Fachwerkhäusern im Zentrum von Petershagen nahe Minden befinden sich bemerkenswerte Gedenkorte jüdischen Lebens. Das ehemalige Synagogengebäude, die sich daran anschließende jüdische Schule mit dem Ritualbad, der Mikwe, welches 2008 freigelegt wurde, sowie der jüdische Friedhof sind die Stätten der 1548/49 erstmalig belegbar dokumentierten jüdischen Gemeinde in Petershagen - ein für Norddeutschland einzigartiges Ensemble. Die Synagoge gehörte bereits 1939, kein halbes Jahr nach der Pogromnacht, nicht mehr der jüdischen Gemeinde und wurde auf verschiedene Weise als Lagerraum genutzt. Nach 1998 entstand in der Alten Synagoge ein Erinnerungsort, zu dem heute auch die ehemalige jüdische Schule gehört.

In der Alten Synagoge wird anhand verschiedener Dokumente und Ausstellungsstücke das Leben jüdischer Menschen in Petershagen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert gezeigt. Schwerpunktthemen sind der Pogrom vom 9. und 10. November 1938, bei dem die Inneneinrichtug der Synagoge Petershagen zerstört wurde, sowie die Deportation der jüdischen Menschen Petershagens in drei Transporten. In dem ehemaligen Synagogenraum sind besondere Sammlungsstücke, darunter Kultgegenstände wie eine originale Thorarolle und Gebetsbücher, ausgestellt.

Pädagogische Arbeit findet nicht nur im Museum, dem Informations- und Dokumentationszentrum, der ehemaligen Synagoge statt, sondern zusätzlich anhand eines Materialkoffers, der mit Objekten des jüdischen religiösen und kulturellen Lebens gefüllt ist und außerhalb des Zentrums in Schulen verwendet wird.

Ebenso wie andere Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen betreut auch die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge eigene Sammlungen, die die Geschichte des Ortes, das Leben jüdischer Menschen in Petershagen sowie die Entstehung der Gedenkstätte dokumentieren.

Die Bestände der Alten Synagoge Petershagen

Die Sammlung der Alten Synagoge Petershagen umfasst ein Fotoarchiv, eine Objektsammlung, eine Mediensammlung – darunter beispielsweise über hundert Interviews mit deutschsprachigen Zeitzeug_innen aus Israel auf VHS-Kassetten, die sämtlich selbst vor Ort digitalisiert wurden, eine Bibliothek zur jüdischen Geschichte und Kultur der Region, sowie die umfangreiche Dokumentation der Erinnerungskultur in Petershagen und die der Entstehung der Gedenkstätte. Diese Sammlung dokumentiert über 400 Jahre jüdische Geschichte in Petershagen, einer Gemeinde, die einmal fünf Prozent (90 Pers.) der Ortsbevölkerung von Petershagen (1800) ausmachte und die in der Shoah nahezu vollständig zerstört wurde.

Durch eine Schenkung erhielt die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge zahlreiche Gegenstände des jüdischen kulturellen und religiösen Lebens sowie hunderte Veröffentlichungen zum Thema Judentum.

Neben der Dokumentation des Judentum spielt der lokale Bezug für die Sammlung der Alten Synagoge eine besondere Rolle. Die wenigen Faksimile von Dokumenten sind aussagekräftig – beispielsweise Nachdrucke von Schulbüchern, die auch in der ehemaligen jüdischen Schule verwendet wurden.

Die Herkunft der in Petershagen gesammelten Objekte und Dokumente ist vielfältig: sie stammen aus Archiven, wurden bei Ausgrabungen entdeckt oder von ihren Besitzer_innen der alten Synagoge übergeben. Die Geschichten der Übergabe der Objekte in die Hände des Erinnerungsorts sind ebenso vielfältig und ergreifend wie die Geschichte der Gegenstände selbst. Nachdem religiöse Stätten jüdischer Gemeinden im Kreis Minden in der Pogromnacht 1938 geschändet, verbrannt und ausgeraubt wurden, gingen zahlreiche Kultgegenstände und andere Gegenstände aus privatem Besitz in die Hände derer, die sie sich in Synagogen und Wohnhäusern jüdischer Menschen widerrechtlich aneigneten. Noch in der NS-Zeit wurden das Inventar und das Mobiliar der Juden von der Gemeinde konfisziert und für wenig Geld an die nichtjüdische Bevölkerung abgegeben. Nach dem Krieg wurden manche Objekte auf dem Trödelmarkt verhökert oder auf Speichern und in Lagerräumen vergessen. Über die Jahrzehnte blieb viele Dinge unentdeckt und wurden nach ihrer Wiederentdeckung der Alten Synagoge übergeben. Andere wechselten immer wieder die Besitzer_innen. Wiederum andere erzählen die Geschichte der Enteignung jüdischer Menschen, deren Unternehmen „arisiert“ wurden oder vom notgedrungenen Verkauf des Familienerbes, als den Menschen die Ausübung ihrer Berufe verboten wurde.

Fundstücke in der Alten Synagoge Petershagen

Im Bestand der Alten Synagoge befinden sich so unterschiedliche Gegenstände wie ein alter Brotschneider, eine Thorarolle und ein Likörrömer, vielleicht ein Pessachkelch.

Der Brotschneider stammt aus dem Besitz der Jüdin Grete Hertz. Sie brachte ihn am Vorabend ihrer Deportation zu nichtjüdischen Bekannten – hoffend, sie werde zurückkommen, um ihn wieder in Empfang nehmen zu können. Grete Hertz wurde in Theresienstadt ermordet. Der Brotschneider wurde in der Familie immer weiter vererbt. Als Erbstück hatte er eine besondere Bedeutung und wurde nach langem Zögern und Überzeugungsarbeit in die Hände der Erinnerungsstätte in der Alten Synagoge gegeben. Die meisten der 90 jüdischen Menschen, die noch vor 1939 in Petershagen lebten, wurden in Konzentrationslager und Ghettos deportiert und ermordet, wenige konnten rechtzeitig emigrieren. Nach dem Krieg kehrten nur drei Überlebende nach Petershagen zurück.

Der Likörrömer der Familie Oppenheim zeugt von der Entwürdigung und Entrechtung, denen jüdische Menschen in ihren eigenen Herkunftsorten und ihrem vertrauten Umfeld ausgesetzt waren. Der Familienvater, Dr. Oppenheim war Arzt, der ärmere Menschen kostenlos behandelte. Seine Familie genoss hohes Ansehen in Petershagen. Dies änderte sich schlagartig 1933, als sie mit der Zeit Haus, Besitz und Dr. Oppenheim seinen Beruf verloren. Die Familie musste in einem sogenannten „Judenhaus“ leben, auf engstem Raum, und hatte kaum Nahrung zur Verfügung. Aus Dankbarkeit gaben die Oppenheims, weil sie über kein Geld mehr verfügten, drei Likörrömer an einen nichtjüdischen Mitbürger für ein Pfund Fleisch , das er ihnen unter Gefährdung seines eigenen Lebens verdeckt zukommen ließ. Seine Nachfahren gaben die Gläser an die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge, weil sie der Aufbau dieses Museums überzeugte.

Die Herkunft der Thorarolle ist unklar. Sie muss wohl aus einer jüdischen Gemeinde im Umkreis von Minden stammen, aus dem sie während des Pogroms am 9. oder 10. November 1938 entwendet wurde. In der Synagoge Petershagen wurden seit 1936 keine Gottesdienste mehr abgehalten. Am 10. November 1938 wurde ihr Innenraum zerstört, die Außenmauern jedoch nicht, möglicherweise weil das Haus nicht frei stand – so heißt es heute in Petershagen. Die Synagoge in Minden wurde während des Pogroms vollkommen zerstört. Es ist darum möglich, dass die Thorarolle aus der Synagoge in Lübbecke stammt, deren Verbleib nach dem Pogrom von November 1938 nicht geklärt ist. Während des Progroms wurden Thorarollen, die nach besonderen Vorschriften angefertigt werden und die nicht mit den Händen berührt werden dürfen, geschändet, zerstört oder geraubt. Eine unbekannte Person legte die Thorarolle vor der Haustür des letzten Überlebenden der Shoah in Petershagen ab. Dieser gab sie als Anerkennung für die geleistete Arbeit in die Hände der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge. Ihre blaue Haube, den Thoramantel, der sowohl als Schmuck als auch Schutz dient, erhielt sie später. Bei welchen Menschen die Thorarolle in den Jahrzehnten zuvor war und unter welchen Motiven sie schließlich zurückgegeben wurde, ist unbekannt.

Chancen und Herausforderungen der Sammlungsarbeit in Petershagen

Das Informations- und Dokumentationszentrum Alte Synagoge in Petershagen wird rein ehrenamtlich durch die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge geführt. Dies bedeutet eine personelle und finanzielle Herausforderung, auch für die Sammlungstätigkeit. Zahlreiche Bestände müssten professionell archiviert werden, was mit den derzeitigen Mitteln kaum möglich ist.

Mit der Villa ten Hompel in Münster, der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg und dem Dokumentationszentrum 326 Senne kooperiert die Alte Synagoge in Petershagen in einem Projekt zu Ausarbeitung und Professionalisierung der Sammlungsarbeit.

Für die Alte Synagoge bedeutet dies unter anderem die Schaffung notwendiger Infrastruktur und die professionelle Erschließung der Sammlung. So ist es erforderlich, Photographien sachgerecht zu archivieren, die Sammlung zur Erinnerungskultur in Petershagen zu verzeichnen und die Räume im Hinblick auf die Konservierung von wertvollen Objekten, wie etwa der Thorarolle, zu überprüfen und, wenn nötig, die Lagerungsbedingungen zu verbessern. Darüber hinaus braucht die Arbeitsgemeinschaft Räume zur Archivierung der Bestände.

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