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Die alte Synagoge Petershagen – Gedenkstätte und Ort der Begegnung mit jüdischem Leben vergangener Tage.Ein Besuch in der Synagoge am nördlichen Rand Nordrhein-Westfalens. Die Idee zu einem Porträt der Alten Synagoge Petershagen entstand in Verbindung mit der Ausstellungseröffnung „Mehr als man kennt – näher als man denkt“, die im Regierungsbezirk Detmold im Oktober 2021 nicht stattfinden konnte.

Verfasst am 07. Januar 2022

Schon im 16. Jahrhundert ist jüdisches Leben in Petershagen erstmals nachweisbar, eine Stubensynagoge im Jahr 1652. Die Errichtung einer Synagoge war immer wieder von der politischen Willkür der Obrigkeiten abhängig bis 1796 eine Fachwerksynagoge am heutigen Standort genehmigt worden war. Das Gebäude inmitten der Petershäger Stadt, wie es heute zu sehen ist, wurde 1845/46 erbaut. Deutlich zu erkennen ist, dass das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert eine andere architektonische Handschrift aufweist als die umliegenden Fachwerkhäuser. Backstein als Baumaterial für Außenfassaden etablierte sich vor allem im Zuge der Industrialisierung wieder als beliebter Baustoff. Im Kontext der Synagoge Petershagen lässt sich daran eine selbstbewusste und in die örtlichen Strukturen eingebundene Gemeinde ableiten. Die mundgeblasenen, bunten Fenster der Synagoge bieten bei Sonneneinstrahlung ein faszinierendes Lichtspiel im Synagogenraum. Direkt an die Westmauer der Synagoge angeschlossen, befindet sich das Gebäude der ehemaligen jüdischen Schule von 1796. Zusammen mit der 2008 freigelegten Mikwe und dem jüdischen Friedhof ist dieses Ensemble einzigartig in Norddeutschland. Der Betraum der Synagoge gibt Einblicke in lebendiges jüdisches Leben vergangener Zeiten. Man blickt auf die Umrisse des Toraschreins, der mit Edelstahlstreben nachvollzogen wird, ohne diesen imitieren zu wollen. Ebenso verhält es sich mit der Bima inmitten des Raumes. Der Fliesenboden lässt das ursprüngliche achteckige Lesepult erkennen. Der Fußboden, der detailgetreu wiederfreigelegt werden konnte, offenbart die ursprüngliche Anordnung der Sitzbänke, die insgesamt 60 Juden Platz boten. Dass eine Frauenempore mit Tür in den Synagogenraum hineinragte, demonstrieren Überreste von Pfeilerstandorten und der Treppenaufgang neben der Mikwe. Das Tauchbecken speist sich noch heute aus dem Grundwasser. Ein Ofen im Raum stellte sicher, dass die Gläubigen vor und nach dem im Winter eiskalten Tauchgang nicht froren. Über eine Leitung quer durch den Schulraum floss das Wasser in die Gosse zur Straße. Entsprechende Sichtfenster im Boden erlauben den Besucherinnen und Besuchern einen Blick auf diese Konstruktion. Die Verzierungen an den Wänden und der Holzdecke zeugen von zeitgenössischen Modeerscheinungen, die sich, wie zu sehen ist, durchaus veränderten. Schon vor der rechtlichen Gleichstellung von Jüdinnen und Juden in Preußen um 1870 gelang es Gumpel Moses Lindemeyer 1857, als erster jüdischer Stadtverordneter in Petershagen gewählt zu werden. Von den 1800 Einwohnerinnen und Einwohnern, die 1866 in Petershagen registriert waren, lebten 90 Jüdinnen und Juden, also rund 5% der Gesamtbevölkerung in Petershagen. In den folgenden Jahren sank die Zahl jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Petershagen wieder. Sie übernahmen zunehmend verantwortungsvolle Aufgaben in der städtischen Gesellschaft und professionalisierten ihre bislang überschaubaren Tätigkeiten als Händler, Apotheker, Banker und Mediziner. In der Zeit der Weimarer Republik zeigten sich ihr bürgerliches Engagement und ihre gesellschaftliche Teilhabe unter anderem in Schützen- oder Kriegervereinen. Beispielhaft für diese Entwicklung steht die Familie von Dr. Moritz Oppenheim (*1871). Die Arztfamilie mit drei Kindern gehörte in den 1920er Jahren der wohlhabenden gesellschaftlichen Oberschicht in Petershagen an. Moritz Oppenheims ziviles Engagement erstreckte sich von der Armenfürsorge über die Mitgliedschaft im Schulvorstand hin zu städtischen Funktionen wie der des Stadtrats. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft änderte sich für die jüdische Bevölkerung in Petershagen das Leben dramatisch. Die zunehmende systematische Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden aus allen Bereichen des gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Lebens erfuhr einen Höhepunkt während der Novemberpogrome 1938. Am Abend des 9. Novembers folgte die örtliche SA den Anweisungen der Kreisleitung zur Brandstiftung in der Synagoge Petershagen zunächst nicht. Erst am nächsten Vormittag wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört und verbrannt. Im selben Jahr entzog man Dr. Moritz Oppenheimer die Approbation als Arzt. Die finanzielle Lage der Familie verschlechterte sich zunehmend. 1939 bemühte sich die Familie um ihre Ausreise, die zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr möglich war. Ab 1941 mussten sie in ein so genanntes „Judenhaus“ umziehen und kurz darauf wurden alle fünf Familienmitglieder in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Einzig dem Sohn Fritz gelang noch 1939 die Flucht nach England und überlebte somit die Shoah. Die Brotschneidemaschine der jüdischen Familie Hertz, die als Exponat in der Ausstellung „Mehr als man kennt – näher als man denkt“ zu sehen ist, überdauerte das NS-Regime, indem sie die nichtjüdische Familie Ballhaus aufbewahrte. Eine Rückgabe an die Familie Hertz war nicht mehr möglich, denn sie wurde über das Konzentrationslager Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Dass dieses Objekt heute in der Synagoge Petershagen besichtigt werden kann, ist dem Schmied Carl Ballhaus zu verdanken, der sich bereits 1938 tatkräftig für ansässige Jüdinnen und Juden einsetzte, beispielsweise löschte er das durch die Nationalsozialisten verursachte Feuer in deren Wohnhäusern. Über seine Erben gelangte die Brotschneidemaschine zu seinem heutigen Standort zurück und steht symbolisch für den Wert der Freundschaft, Nachbarschaftlichkeit und der Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus. Das Synagogengebäude wurde nach dem Novemberpogrom 1938 unterschiedlich genutzt. Bis in die 1990er Jahre fungierte es als Lagerraum und war letztlich einsturzgefährdet. Mit dem Kauf der Synagoge 1998 ging die Gründung des Vereins „Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen e.V.“ einher, dessen Ziel es ist, das Gebäudeensemble zu erhalten und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Team engagiert sich seit über 20 Jahren ehrenamtlich. Seit 2011 ist die Alte Synagoge Petershagen eine anerkannte Gedenkstätte im Arbeitskreis NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW e.V. Fotos: Anja Mausbach

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