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Delegationsreise nach Polen (3): Schwierige Vergangenheiten leicht erklären? Die erinnerungskulturelle Beziehung zwischen Deutschland und Polen ist kompliziert. Mit den Museen für den Warschauer Aufstand und die Geschichte der Juden in Polen sowie dem Institut des Nationalen Gedenkens besuchte die NRW-Delegation in Warschau sehr unterschiedliche Einrichtungen. Ein Ziel war allen Orten gemeinsam: Sie möchten möglichst vielen Polinnen und Polen auf ihre eigene Art Geschichte erklären. Diskussionen mit polnischen und deutschen Fachleuten halfen dabei, diese mitunter kontroversen Perspektiven einzuordnen. Deutlich wurde im Fachaustausch auch, wie sich Geschichte, also das Denken und Reden über Vergangenheit, immer wieder verändert.

Verfasst am 27. April 2017

Die erinnerungskulturelle Beziehung zwischen Deutschland und Polen ist kompliziert. Mit den Museen für den Warschauer Aufstand und die Geschichte der Juden in Polen sowie dem Institut des Nationalen Gedenkens besuchte die NRW-Delegation in Warschau sehr unterschiedliche Einrichtungen. Ein Ziel war allen Orten gemeinsam: Sie möchten möglichst vielen Polen auf ihre eigene Art Geschichte erklären. Diskussionen mit polnischen und deutschen Fachleuten halfen dabei, diese mitunter kontroversen Perspektiven einzuordnen. Deutlich wurde im Fachaustausch auch, wie sich Geschichte, also das Denken und Reden über Vergangenheit, immer wieder verändert.

Das Institut des Nationalen Gedenkens

Am Dienstagnachmittag führte das Programm die Delegation in das Instytut Pamięci Narodowej (IPN) im Süden Warschaus. Das IPN ist seit 2000 auf Initiative des polnischen Parlaments, der Sejm, aktiv. Dessen Auftrag ist die Erforschung von Verbrechen, die zwischen 1917 und 1989 von deutschen und sowjetischen Besatzern sowie vom sozialistischen Regime in Polen begangen wurden. Zudem möchte es durch Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit über die Geschichte Polens im 20. Jahrhundert informieren. Im Gegensatz zu vergleichbaren Diktatur-Aufarbeitungsbehörden in anderen Ländern hat das IPN nicht nur eine Forschungsabteilung und ein Archiv, sondern auch richterliche Befugnisse. Außerdem gehören Kriegsgräberfürsorge und die Unterstützung von Gedenkinitiativen zum enorm breiten Aufgabenfeld. Als Staatseinrichtung wird der Institutsvorsitzende alle fünf Jahre von dem Sejm, dem polnischen Parlament, gewählt. Neben der Zentrale in Warschau gibt es elf regionale Abteilungen und sieben kleinere lokale Büros, in denen unter anderem Richter tätig sind.

Nach einer einführenden Präsentation wurde die Delegation in die Archive geführt. Dort lagern insbesondere Akten der polnischen und sowjetischen Geheimdienste. Aber auch 39 Millionen Fotos, Filme und andere audiovisuelle Medien gehören zu den Beständen. Ein Anliegen ist es, möglichst viele der Quellen online verfügbar zu machen und über die Institutswebsite zu recherchieren. Daneben boten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Konservierungsabteilung spannende Einblicke in ihre Arbeit. Zurzeit restaurieren und säubern sie zum Beispiel das Tagebuch von Hans Frank, dem NS-Generalgouverneur des besetzten Polens und einem der Nürnberger Hauptkriegsverbrecher.

Die Bildungsabteilung des IPN möchte mit Wettbewerben, Projekten oder Wanderausstellungen das Wissen über Verbrechen des 20. Jahrhunderts in Polen verbreiten, besonders bei den jüngeren Menschen zunächst ein Bewusstsein für die Taten schaffen. So versuchen Olga Tumińska und ihre Mitarbeiter in einem mehrjährigen ambitionierten Projekt, jedem Opfer der Katyn-Morde wieder seinen Namen zu geben: In einem Wettbewerb werden Schülerinnen und Schüler ermutigt, Informationen zu recherchieren und Info-Karten zu erstellen. Einig war sie sich mit ihren nordrhein-westfälischen Kolleginnen und Kollegen darin, dass erinnerungskulturelle Projekte wie Gedenkstättenfahrten intensiv begleitet werden müssen: Idealerweise sind sie in eine Vor- und eine Nachbereitung  eingebettet, die beispielsweise die NS-Gedenkstätten vor Ort anbieten.

Beide Seiten erklärten, den deutsch-polnischen Austausch intensivieren zu wollen. Von einem erfolgreichen und Beispiel konnte Dr. Werner Jung berichten: Der Leiter des NS-Dokumentationszentrums im EL-DE-Haus Köln und stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises lobte ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit dem IPN im Rahmen der Wanderausstellung „Todesfabrik Auschwitz. Topografie und Alltag in einem Konzentrations- und Vernichtungslager“,  die neben Köln auch in Łódź und Lublin zu sehen war.

Auf die Frage nach den Motiven ihrer erinnerungskulturellen Arbeit verdeutlichte Olga Tumińska die große Bedeutung des Systemwechsels 1989, der sich auf das kollektive polnische Gedächtnis des Zweiten Weltkriegs bis heute auswirke. Denn erst seit dem 1990er Jahren konnten die Polen ihre eigene Vergangenheit ohne Redeverbote kennenlernen. Und bis heute dauern die Überlegungen an, wie sich die komplexe Geschichte einordnen lässt: Mittlerweile rund 25 Jahre alte Glorifizierungen beispielsweise würden erst langsam differenziert oder gar dekonstruiert werden. Schließlich lud sie ihre Gäste ein, in Zukunft gemeinsame Workshops für die außerschulische historisch-politische Bildung zu organisieren. Auf diese Möglichkeit zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses werden die NRW-Gedenkstätten gerne zurückkommen.

Fachgespräche im Deutsche Historischen Institut Warschau

Um diese komplizierte erinnerungskulturelle Situation besser zu verstehen, besuchte die Delegation anschließend das Deutsche Historische Institut in Warschau. Dort wurden sie von Prof. Dr. Ruth Leiserowitz, der stellvertretenden Leiterin, und Prof. Dr. Miloš Řezník, dem Institutsdirektor, begrüßt. Unter dem Dach der Max Weber Stiftung möchte das 1993 gegründete Institut die Geschichte Polens und der deutsch-polnischen Beziehungen erforschen. Außerdem sucht es den transnationalen Diskurs und möchten zur Vernetzung der Wissenschaften in beiden Ländern sowie mit ihren Nachbarn beitragen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung zeigten in einer Diskussion großes Interesse an der Arbeit in den Gedenkstätten Nordrhein-Westfalens und ordneten aktuelle polnische Erinnerungskulturen für ihre Gäste ein.

Auf das Gespräch mit Prof. Dr. Włodzimierz Borodziej waren einige Delegationsteilnehmer besonders gespannt. Als Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in NRW stellte Prof. Dr. Alfons Kenkmann seinen Kollegen vor; beide kennen sich unter anderem aus ihrer Beiratstätigkeit für das deutsche Haus der Geschichte. Der in Warschau geborene und vielfach ausgezeichnete Historiker Borodziej hat sich in seiner Karriere vor allem den schwierigen deutsch-polnischen Vergangenheiten gewidmet, die sich aus Umsiedlungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg, Massenverbrechen und Täterschaften oder der Konstruktion von historischen Zäsuren ergaben. In seinem komplexen und zugleich konzisen Überblick über die Entwicklung der Erinnerungskultur in Polen seit 1917 stellte er zuerst fest, dass die polnische Geschichte sich als Geschichte von „Ebbe und Flut“ verstehen lasse, weil einzelne Themen wie die Unabhängigkeitsfrage immer wieder aufkämen. Dann bat er seine Zuhörerinnen und Zuhörer, die deutsche Geschichtsperspektive kurz zu vernachlässigen, um die polnische Geschichte zu verstehen. Diese Empfehlung sollte auch in den folgenden Tagen noch hilfreich sein.

Er beschrieb am Beispiel des 11. Novembers, dem Gedenktag für die wiedererlangte Unabhängigkeit Polens 1918, wie die Geschichte Polens im 20. Jahrhunderts mehrfach radikal umgeschrieben wurde. Vor allem nach dem Systemwechsel 1989 seien alle damaligen sowjetischen Erinnerungstabus gebrochen worden und unterschiedliche Gruppen nutzten seitdem die Gelegenheit, die Gedenktage für ihre Interessen neu zu deuten. Jener „Freiheitstag“ sei dann beispielsweise bewusst gegen den Revolutionsgedenktag des abgewirtschafteten Sowjetsystems ins Feld geführt worden. Auch durch solche Umdeutungen hätten Polen im Zuge der Transformation den Identität und Legitimität stiftenden Charakter von Geschichte wiederentdeckt, wie er in anderen europäischen Ländern womöglich bereits infrage gestellt worden war. Das Ergebnis solcher Identitätssuchbewegungen sei heute in einigen polnischen Museen zu finden, wo traditionelle Werte mit neuen technischen Mitteln bewusst inszeniert würden. Zugleich wies Prof. Borodziej in der folgenden Diskussion darauf hin, dass die „Selbstdarstellung durch Geschichte“ kein typisch polnisches Phänomen sei, sondern sie sich auch in Deutschland beobachten lasse. Eine spezifische generationelle Lagerung mit jungen Erwachsenen, die auf der Suche nach Identität sind, steigert dieses Bedürfnis nach vereinnahmenden und vereinfachenden Erklärungsmodellen heutzutage in Polen. Differenzierende und integrierende Perspektiven seien in dieser Konstellation schwer zu vermitteln. Deutlich wurde in der Diskussion, welchen Stellenwert Geschichte in beiden Ländern habe, wenn ihr auch ganz unterschiedliche Bedeutungen zukämen, fasste Prof. Dr. Alfons Kenkmann den Tag zusammen: Museen, aber auch Gedenkstätten haben in den letzten Jahren eine enorme Aufwertung und Aufmerksamkeitssteigerung erhalten, weil sie sich zu geschichtspolitischen Orten der Identitätskonstruktion gewandelt haben.

Das Museum des Warschauer Aufstandes

Ein Versuch, Geschichte in diesen komplexen erinnerungskulturellen Konstellationen für alle Menschen einfach darzustellen, ist das Museum des Warschauer Aufstandes, das bereits am Montag auf dem Programm stand. Es präsentiert die Ereignisse im August und September 1944, als Warschauer Bürgerinnen und Bürger 63 Tage lang für ein freies Polen kämpften, bis ihr bewaffneter Aufstand von deutschen Besatzungstruppen brutal und auch mit Massenmorden niedergeschlagen wurde. Die polnische Hauptstadt wurde im Anschluss von der Wehrmacht restlos zerstört, sofern sie nicht zuvor schon in Trümmern lag.

Auf vier Etagen stellt das 2004 zum Jahrestag des Aufstands vom damaligen Stadtpräsidenten Warschaus Lech Kaczyński eröffnete Museum rund 750 Gegenstände, 1000 Fotos und über 200 Informationstafeln aus. Größtes Objekt ist ein Nachbau eines Liberator-Flugzeugs, mit dem polnische Soldaten der britischen Armee die Aufständischen versorgten. Schon nach wenigen Minuten hat man sich in der großen, verwinkelten Einrichtung verloren und ist völlig in die zweimonatige Geschichte des Aufstands eingetaucht. Neben visuellen Effekten legt das Museum großen Wert auf Geräusch-Installationen: Im Fahrstuhl singt ein Männerchor, auf drei Etagen wummert das  „Herz der Hauptstadt“, das auch für die „Opfer und Kämpfer des Aufstands“ schlägt und  beim Herantreten weitere Geräusche wie Gebete, Schüsse oder marschierende Menschen von sich gibt. Ein Audioguide möchte Gästen in 26 Sprachen Orientierung ermöglichen.

Die Einrichtung versteht sich weniger als klassisch geschichtswissenschaftliche Dokumentationsstätte und vielmehr als multimediale Kulturinstitution. Und ihre Botschaft ist eindeutig: Den Kämpfern des Warschauer Aufstands soll ein ehrendes Andenken geschaffen werden. Die Besucherzahlen scheinen dem Konzept als Erlebnisse ermöglichender Ort recht zu geben: Im Schnitt zwei- bis dreitausend täglich, an Einzeltagen bis zu achttausend Besucher zählt die Einrichtung. Bildungsprogramme sprechen Kinder und Jugendliche ab einem Alter von fünf Jahren an. Gewaltszenen auf Fotos werden durch Vorhänge versteckt und Rundgänge können durch Guides gezielt schwierige Themen umgehen. Die Inszenierung im dunklen und lauten Raumlabyrinth versucht auch ohne brutale Kriegsbilder den Spagat zwischen Emotionalisierung und Überwältigung.

Mit etwas Abstand stellt sich die Fragae, welches Bild vom Warschauer Aufstand die Ausstellung vermitteln möchte: Waren die Warschauer mutige Martyrer oder bringt ein Krieg grundsätzlich zu viele vermeidbare Opfer? Eine Bewertung möchte das Museum nicht vornehmen, sondern dem Besucher überlassen, zitiert Dr. Paweł Brudek, Mitarbeiter der historischen Abteilung des Museums, den Direktor der Einrichtung. Vor allem aber sei die Ausstellung nur vor dem Hintergrund der erinnerungskulturellen Debatte in Polen zu verstehen, die nach über vierzigjährigen Verboten erst seit den 1990er Jahren eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Warschauer Aufstands erlaube. Auch deshalb gebe es noch viele Mythen in der Bevölkerung, sodass historische Aufklärung weiter wichtig sei. Das Bewusstsein über dieses NS-Verbrechen an polnischen Menschen und Städten ist nicht zuletzt durch das Museum gewachsen. In Deutschland hingegen seien die Ausmaße dieser Gewalttaten selbst Fachleuten nur begrenzt bekannt, lautet die polnische Kritik an deutschen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

POLIN – Das Museum der Geschichte der Juden in Polen

Den Polen einen weiteren speziellen und dennoch fundamentalen Teil ihrer Geschichte – und zwar den jüdischen – zu vermitteln, ist das Hauptanliegen von POLIN. Immerhin waren zehn Prozent der polnischen Vorkriegsbevölkerung Juden, in einigen Städten betrug ihr Anteil sogar über 30 Prozent. Das 2013 in Warschau in der Nähe des ehemaligen Ghettos eröffnete Museum der Geschichte der Juden in Polen setze neue Standards, schrieb Klaus Brill in der Süddeutschen Zeitung. Und den selbstgewählten Auftrag bezeichnete die New York Times als eines der ambitioniertesten Kulturprojekte in Polen seit der Systemtransformation 1989. Denn das Haus möchte mehr sein als ein Museum, erklärt Dorotea Keller-Zalewska, die stellvertretende Leiterin der Einrichtung, bei ihrer Begrüßung. Um jüdisches Leben in ganz Polen bekannter zu machen, organisieren sie ein weites Kulturangebot. Das umfasst beispielsweise Kochkurse, Konzerte oder ganz klassische Workshops für Kinder und Jugendliche ab dem Grundschulalter. Das aufwendige Projekt wird etwa zur Hälfte aus öffentlichen Mitteln finanziert, die andere Hälfte steuern Privatleute und Unternehmen bei, informierte Keller-Zalewska ihre nordrhein-westfälischen Gäste.

Dieser inhaltliche und finanzielle Aufwand spiegelt sich in einer besonders für junge Gäste interaktiv gestalteten Ausstellung: Die Geschichte der Juden vom Mittelalter bis in die Gegenwart in verschiedenen polnischen Städten wie Warschau oder Krakau steht im Mittelpunkt, ohne die europäische Dimension aus dem Blick zu verlieren. Deutlich wird so auch, dass diese Geschichte nicht für sich alleine steht, sondern sich nur durch wechselseitigen Austausch und Integration, aber auch Abgrenzungen erzählen lässt. Ein weiteres Anliegen der Ausstellungsmacher: „Die“ jüdische Kultur besteht wie alle Gesellschaften aus unterschiedlichsten, teils widersprüchlichen Strömungen. So werden unterschiedlichste Facetten von der Religionsausübung über Alltag und Wirtschaft bis zu politischen wie zionistischen oder sozialistischen Haltungen dargestellt.

Auch dieses Museum hat sich wie die zuvor besuchten großen nationalen Einrichtungen die Mühe gemacht, ganze Straßen oder Räume darzustellen. Gemessen an der Gesamtgröße sind wenige Objekte zu sehen, Nachbauten und mediale Inszenierungen möchten dafür ein Bild der vielfältigen jüdischen Kultur spürbar machen. Außerdem wurde auf beeindruckende Weise  eine frühneuzeitliche Holzsynagoge teilrekonstruiert. Wieder werden alle Sinne angesprochen: Gebete und Chöre sind zu hören, auf den Boden gedruckte Schrittfolgen laden zum Tanzen ein. Der Botschaft des Museums folgend, dass der Holocaust zwar einmaliges, aber nicht alleiniges Kapitel der jüdischen Geschichte ist, nehmen Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg verhältnismäßig wenig Fläche ein. Gestalterisch wird der Zivilisationsbruch dennoch deutlich sicht- und fühlbar gemacht.

Als nächstes stehen Gedenkstätten in der ostpolnischen Region um Lublin auf dem Programm der Delegation, die sich vollständig der Erinnerung an den Massenmord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern verschrieben haben. Daneben werden andere lokale Erinnerungsorte besucht, um mögliche Kooperationen mit den NRW-Einrichtungen auszuloten.

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