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Mit Kindern in Gedenkstätten – Angebote in NRW Wie alt sollten Kinder beim Besuch einer Gedenkstätte sein? Wie kann ein pädagogisches Angebot für sie aussehen? Und was sollten und können Kinder bei einem solchen Besuch lernen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Pädagoginnen, Pädagogen und Gedenkstättenmitarbeiterinnen und Gedenkstättenmitarbeiter bereits seit vielen Jahren und die Einrichtungen in NRW haben hierauf verschiedene Antworten gefunden.

Verfasst am 22. März 2016

Kinder in Gedenkstätten?

Darüber, ab wann ein Besuch mit Kindern in Gedenkstätten als sinnvoll angesehen werden kann, ist man in den nordrhein-westfälischen Einrichtungen unterschiedlicher Ansicht: Die Spanne reicht hier von 8 bis 12 Jahren. Tatsächlich ist es verhältnismäßig schwierig, hier eine allgemeingültige Aussage zu treffen. Mareike Böke vom Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten stellt fest, den „Zeitpunkt wenn die Kinder Fragen stellen und wissen möchten, was passiert ist“ sehe sie „als angemessen, um mit Kindern darüber zu sprechen“. Bökes Ansicht nach „gibt es nicht das perfekte Alter für eine Beschäftigung mit dem Thema. Es ist von Kind zu Kind unterschiedlich“.

Die ‚regulären‘ Angeboten der Gedenkstätten, allen voran die Ausstellungen, können für jüngere Kinder nicht ohne Weiteres als geeignet angesehen werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Dokumentationsstätte in Gelsenkirchen sehen die Besichtigung der Dauerausstellung „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ beispielsweise erst für Jugendliche ab der 8. Klasse vor. Auch die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund legt eine Altersuntergrenze für ihre pädagogischen Angebote bei der 7. Jahrgangsstufe an. Beide Einrichtungen erhalten eher selten Anfragen für Gruppen mit jüngeren Kindern.

Führungen

Entscheidet man sich für eine Gedenkstättenarbeit mit jüngeren Kindern, so ist es wichtig, dass Umfang und Inhalte individuell an unterschiedliche Erfahrungshorizonte und Wissensstände angepasst werden. Es geht darum, den Kindern das Maß an Informationen zu vermitteln, das notwendig ist, um ihre Fragen zu beantworten, ohne sie dabei mit zu vielen Auskünften zu überfordern, wie Barbara Kirschbaum vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln mit Blick auf die hier angebotenen Familienführungen erklärt. Das Haus hat diese Führungen für Familien mit Kindern ab 10 Jahren speziell für Museumstage und die Ferien konzipiert. Gerade zu diesen Anlässen kommen häufig Eltern mit Ihren Kindern in die Gedenkstätten, wie auch Ingrid Schupetta von der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer in Krefeld erklärt. Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf stellt in ihrer neuen Dauerausstellung 16 Biografien von Kindern und Jugendlichen dar, die unterschiedlichen Gruppen während der NS-Zeit ein Gesicht geben und Handlungsweisen und Handlungsoptionen anschaulich machen. Die Führungen und Workshops in der neuen Dauerausstellung können altersgemäß und auch die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten durchgeführt werden. 

Geschichtskoffer

Bei der Vermittlungsfrage muss zwischen diesen Kindern, die mit ihren Eltern die Einrichtung besuchen und Kindern, die in Gruppen, zum Beispiel Schulklassen in die Gedenkstätten kommen, unterschieden werden. Für Kindergruppen bieten die Einrichtungen verschiedene Vermittlungswege an, bewährt haben sich hier unter anderem Materialien- und Geschichtskoffer. Die Gedenkstätte Petershagen arbeitet beispielsweise mit einem jüdischen Materialkoffer, mit dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in Schulen unterwegs sind. Auch das NS-Dokumentationszentrum in Köln hat einen „Geschichtenkoffer Kindermobil“, aus dem, orientiert an den Fragen der Kinder, verschiedene Module ausgewählt werden können – unter anderem zu der Grundlage der Ausgrenzung der als jüdisch Verfolgten und der Rolle von Eltern und Lehrern bei der Erziehung zum Nationalsozialismus – die dann kindgerecht bearbeitet werden. Auch der Förderkreis der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf bietet seit 2012 einen Museumskoffer zum Thema "Jüdische Kindheit in Düsseldorf gestern und heute" zur Ausleihe an. Anhand von vier Biografien von Düsseldorfer Kindern, die in den 1920er Jahren geboren wurden, können Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren so unterschiedliche Themen wie Freizeit oder Schule, aber auch Ausgrenzung oder Flucht erarbeiten. 

Buchprojekte und Unterrichtsmaterial

Eine weitere Vermittlungsmöglichkeit stellen Buch- und Leseprojekte dar, wie sie bereits unter anderem in Petershagen, Köln und Wuppertal angeboten wurden und werden. In der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal wurde von Ulrike Schrader beispielsweise Unterrichtsmaterial zum Bilderbuch „Papa Weidt. Er bot den Nazis die Stirn“ entwickelt, mit dem die Themen „Retten und Helfen im Nationalsozialismus“ bearbeitet werden können. Auch Klaus Dietermann vom Aktiven Museum Südwestfalen in Siegen hat Vorschläge für Unterrichtseinheiten in der 4. Klasse erarbeitet, die bei der Gedenkstätte bestellt werden können und die regelmäßig von Grundschulen nachgefragt werden. Seit 10 Jahren wird in der Gedenkstätte Wewelsburg das Projekt „Die Hingucker“ durchgeführt, das auf einem Buch von Ursula Kraft basiert. Mit Spielen und Übungen arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier mit Kindern ab 9 Jahren zu den Themen Ausgrenzung, Rassismus und Zivilcourage. Zum 10-jährigen Jubiläum wurde eine Sonderausstellung mit Fotos und Erfahrungsberichten konzipiert, die noch bis zum 17. April 2016 in der Gedenkstätte Wewelsburg zu sehen ist.

Weitere Vermittlungswege

Neben Führungen, Geschichtskoffern und Buchprojekten nutzen die Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen auch noch andere Vermittlungsmöglichkeiten: Im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten gibt es spezielle Angebote für Kinder ab der vierten Jahrgangsstufe, die sich über eine Führung hinaus mit dem Holocaust auseinandersetzen. Das Jüdische Museum Westfalen bringt den Kindern die Geschichte des Holocausts und des Nationalsozialismus anhand von Biografien und Exponaten näher, die konkrete Geschichten erzählen und die „ein gutes Ende“ nehmen. Dabei achten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch auf einen lokalen oder regionalen Bezug, um den Kindern eine Identifikation zu erleichtern. Das NS-Dokumentationszentrum in Köln hat in seinem Pädagogischen Zentrum ein „Geschichtslabor“ ins Leben gerufen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln zu den Sonderausstellungen spezielle Angebote für Kinder, beispielsweise zu den Themen Sport im Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Auch mit Kinder- und Jugendtheatern hat man hier schon zusammengearbeitet und mit einigen Kölner Grundschulen hat sich eine regelmäßige Zusammenarbeit entwickelt, hier finden Projektwochen und auch Ferienprogramme für den Offenen Ganztag statt. Ein Besuch des Aktiven Museums Südwestfalen in Siegen gehört für die 4. Klasse einiger Schulen im Kreis Siegen-Wittgenstein bereits zum festen Programm. Gibt es Anfragen von Grundschulen, so betreffen sie in der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer in Krefeld meist die Vermittlung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Die Dokumentationsstelle hält hierfür einen Raum und die Installation „Luftschutzkeller“ bereit. Im Rahmen des Projektes „Kulturstrolche“ bietet die Gedenkstätte Zellentrakt im Herforder Rathaus das Programm „Woran wir uns erinnern wollen“ für 3. und 4. Klassen an. Eine frühere Grundschullehrerin arbeitet hier mit den Schülerinnen und Schülern zu der Situation von Kindern während der NS-Zeit. Auch der Zellentrakt selbst wird besprochen und manchmal wird zusätzlich ein Besuch in der Herforder Synagoge angeschlossen. Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf arbeitet bereits seit über 15 Jahren mit Kindern ab der vierten Klasse und bietet neben Ausstellungsführungen auch Workshops und Ferienprogramme mit unterschiedlichen Kunstsparten, wie Theater, Film, Malerei oder Fotografie an. Darüber hinaus sind auch Stolpersteinführungen und die sogenannten "Spurensuchen" möglich. Hier können auch jüngere Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen mit Begleitung selbstständig die Stadt erkunden.

Perspektiven

Wie sich das Aufgabenfeld der Gedenkstätten mit Blick auf jüngere Kinder als Adressaten in Zukunft entwickeln wird, ist schwer zu sagen. Ob hier auf längere Sicht eher mit einer Zu- oder Abnahme der Nachfragen zu rechnen ist, ist ungewiss. Die Nachfragen könnten gerade in Ferienzeiten auch stark abnehmen, wie Ulrike Schrader von der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal es zum Teil beobachtet hat, denn das Thema weise ihrer Meinung nach eine extrem hohe Schwelle auf, die Kommunikation in den Grundschulen sei nicht mehr so verbindlich und engagiert wie früher und es würden gerade in den Ferienzeiten „spaßige Konkurrenzangebote“ locken. Wolfgang Battermann von der Alten Synagoge Petershagen sieht eher eine Zunahme der Besucherzahlen in diesem Bereich, schildert jedoch auch den Fall einer Klasse, bei der spürbar war, dass der Lehrer „froh war, dass wir ihm seine Klasse für zwei Unterrichtsstunden abnahmen“. Die Frage, ob und wie mit jüngeren Kindern in Gedenkstätten gearbeitet werden sollte, wird demnach auch in Zukunft eine Rolle spielen, einfache Antworten gibt es darauf nicht.

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