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Aufarbeitung und Dokumentation des systematischen Kunstraubs der Nationalsozialisten: Die Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen“ in Bonn. Die Kunsthalle Bonn zeigt noch bis zum 11. März 2018 die Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen.“ Die großangelegte Ausstellung präsentiert viele Werke der klassischen Moderne, die teilweise seit Jahrzehnten als verschollen galten. Darüber hinaus beleuchtet sie die perfiden Strukturen des systematischen Kunstraubs der Nationalsozialisten und wirft einen Blick auf Biographien von Tätern und Opfern.

Verfasst am 05. Januar 2018

Auch wenn Cornelius Gurlitt keine gewichtige Rolle in der Bonner Schau darstellt, bildet der Schwabinger Kunstfund doch den Ausgangspunkt für die neuere Aufarbeitung von NS-Unrecht in Bezug auf Kunsthandel und –enteignung. Der „Fall Gurlitt“ kann als der prägnanteste Fall der letzten Jahre gelten, der die bis in die Gegenwart reichenden Auswirkungen des perfiden Beziehungsgeflechts zwischen Kunsthandel und Nationalsozialismus ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat und eine längst überfällige Auseinandersetzung mit dem Thema angestoßen hat. Cornelius Gurlitt war der Sohn von Hildebrandt Gurlitt, einem früheren Museumsdirektor und Kunsthistoriker, der von Hitler Ender der 1930er Jahre mit dem Verkauf der als „Entartete Kunst“ beschlagnahmten Kunstwerke ins Ausland beauftragt worden war, er starb 1956. Im Jahr 2012 waren bei Cornelius Gurlitt 1224 zum Teil als verschollen geltende Kunstwerke in dessen Wohnung in Schwabing gefunden worden. Weitere 239 Arbeiten wurden kurze Zeit später in seinem Salzburger Haus entdeckt. Der Sohn hatte offenbar die vom Vater zusammengetragene Kunstsammlung nach dessen Tod gehortet. Ab und zu verkaufte Cornelius Gurlitt die ein oder andere Arbeit und bestritt so seinen Lebensunterhalt. Unter den Werken, die Zollbeamte 2012 beschlagnahmten, befanden sich Arbeiten bedeutender Künstler der klassischen Moderne wie Claude Monet, Pablo Picasso oder Ernst Ludwig Kirchner. Zumeist handelte es sich um kleinformatige Arbeiten, darunter viele Zeichnungen, die man gut hinter Schränken und in Schubladen verstecken konnte. Der Verdacht lag damals nahe, dass es sich bei einem Großteil der beim damals 79-jährigem Sohn gefundenen Werke um Raubkunst handeln könnte, also Werke, die den ursprünglichen, oft jüdischen Besitzern in den 1930er und 40er Jahren beispielsweise im Zuge einer Enteignung abgenommen oder gegen einen geringen Betrag in der Not abgepresst worden waren. 

Die Schau in Bonn ist als als Doppelausstellung mit dem Kunstmuseum Bern konzipiert, jenem Museum, das Cornelius Gurlitt als Erben seiner Sammlung bestimmt hatte. Im Berner Teil der Ausstellung sind ausschließlich Arbeiten zu sehen, die nachweislich nicht als Raubkunst belastet sein könnten. Die Ausstellung in Bonn hingegen zeugt zudem von dem Willen, das damals geschehene Unrecht darzustellen und, so gut es geht, aufzuklären, indem sie neben der Kunst auch die Ergebnisse der im Zuge der Causa Gurlitt begonnenen Provenienzanalysen darstellt. Die Ausstellungsmacher setzen hierbei auf größtmögliche Transparenz und machen deutlich, dass die Aufarbeitung des NS-Kunstraub noch lange nicht abgeschlossen ist. Es ist als Stärke der Ausstellung zu interpretieren, dass sie das Ungeklärte auch benennt: zu jedem der rund 250 gezeigten Werke findet sich eine Notiz zur Provenienz. Für die Besucher wird nachvollziehbar, ob es sich bei dem Exponat nachgewiesen um Raubkunst handelt oder ob der Status des Werkes noch ungeklärt ist. 

Dabei wird Mehrfaches ersichtlich: Der Ausstellung gelingt zum einen, Einzelschicksale der Opfer aufzuzeigen. In vielen Fällen stellt der Verlust des Kunstwerkes einen Wendepunkt in der Verfolgungsbiografie dar und markiert den endgültigen Bruch mit dem alten Leben. Oftmals folgen auf den Verlust des Kunstwerkes der Weg in die Flucht, Deportation oder Verhaftung. Zugleich wird aber auch das umfassende System der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturpolitik deutlich: Im Zuge der Diffamierung moderner Kunst unter dem Begriff „Entartete Kunst“ ließen die Nationalsozialisten Werke, die ihren ästhetischen oder weltanschaulichen Vorstellungen widersprachen, aus den Museen entfernen. Die unliebsamen Werke wurden jedoch nicht zerstört – nach der Vorführung einer Auswahl der Arbeiten in der Schmähschau „Entartete Kunst“ 1937 in München, die dem Publikum die geistige Störung der „jüdisch-bolschewistischen“ Künstler*innen vergegenwärtigen sollte, sollten sie durch eigens dafür ausgesuchten Kunsthändler gewinnbringend verkauft werden. Anhand der Biografie von Hildebrandt Gurlitt, der vom einstigen Verfechter moderner Kunst zum Handlanger der Nationalsozialisten abstieg, zeichnet die Bonner Kunsthalle das System der Veräußerung von Raubkunst nach. Der NS-Kunstraub wird so als Teil des umfassenden Ausbeutungssystems der nationalsozialistischen Diktatur verständlich, das die Veräußerung von Wohnungen und Eigentum deportierter Jüdinnen und Juden und anderer verfolgten Personen ebenso umfasst wie in letzter Extremität die materielle Ausbeutung der im KZ inhaftierten Menschen. Bei der Sammlung Gurlitt konnte bisher nur in sechs Fällen definitiv nachgewiesen werden, dass es sich um Raubkunst handelt. Die Klärung von Zweifelsfällen gestaltet sich als schwieriger und langwieriger Prozess, da viele Dokumente wie Kaufbelege oder Galerieinventarlisten nicht mehr erhalten sind oder Zusammenhänge aus Archiven in unterschiedlichen Ländern mühsam rekonstruiert werden müssen. Hildebrandt Gurlitt erstellte selbst in manchen Fällen falsche Provenienzen erstellt, um die Spur seiner Sammlungswerke, die er in die Nachkriegszeit hinüberrettete zu verwischen. Wie wichtig die Dokumentation und Aufarbeitung in der Bonner Ausstellung auch ist, um das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen: Sie weist zugleich auch auf die jahrzehntelangen Versäumnisse der kunsthistorischen Forschung der Bundesrepublik hin. Es ist ungewiss, wie viele Kunstwerke in den Sammlungen deutscher Kunstmuseen in den nächsten Jahren als Raubkunst identifiziert werden.Von den sechs bestätigten Raubkunst-Werken aus dem Gurlitt-Bestand konnten bisher vier an die Nachfahren der ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden.

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