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Arbeitskreis vertieft deutsch-israelischen Austausch zu neuen Bildungskonzepten Seit 2014 bestehen zwischen der NRW-Landesregierung, dem Arbeitskreis der Gedenkstätten in NRW und Yad Vashem in Israel auf Grundlage eines Kooperationsvertrags enge Verbindungen. Zusammen mit dem Center for Educational Technology in Tel Aviv und der deutsch-israelischen Schulbuchkommission sowie der Landeszentrale für politische Bildung NRW haben Gedenkstättenpädagoginnen und -pädagogen aus NRW und aus Israel nun neuestes digitales Bildungsmaterial zur deutsch-israelischen Geschichte kennengelernt. Hauptthema waren die Potenziale für die Gedenkstättenpädagogik. Ein Tagungsbericht.

Verfasst am 12. November 2018

Der Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e.V. entsandte Ende Oktober 2018 eine Gruppe vorwiegend jüngerer Gedenkstättenpädagogen und -pädagoginnen  nach Israel, um den vom Land NRW geschlossenen Kooperationsvertrag mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem weiter in der Praxis zu verankern. Im Fokus des intensiven Austausches standen neue digitale Formate und Bildungsmaterialien für jugendliche Gedenkstättenbesucherinnen und -besucher. Entwickelt wurden diese von der International School for Holocaust Studies Yad Vashem – teilweise im Austausch mit den Gedenkstätten in NRW – und von der deutsch-israelischen Schulbuchkommission zusammen mit dem Center for Educational Technology Tel Aviv (CET).

Wie Messenger- und Cloud-Dienste dabei bereits jetzt das israelische Bildungswesen bereichern, haben gerade die neuen Angebote des CET gezeigt. Denn allgemein hat die Digitalisierung Unterrichts dort einen wesentlich höheren Stellenwert als im deutschen Schulsystem, was Anknüpfungen für die außerschulische, historisch-politische Bildung bietet. So nutzen israelische Pädagoginnen und Pädagogen Online-Dienste und andere digitale Möglichkeiten nicht nur, um Schülerinnen und Schüler aus abgelegenen Siedlergebieten online zu unterrichten, sondern auch an fast allen Schulen im Alltag Aufgaben beispielsweise per WhatsApp einzustellen und zu diskutieren. Selbst das Abitur kann online absolviert werden und bestimmte Unterrichtseinheiten werden nur digital angeboten.

Solche digitalen Bildungsmaterialen lernte die Delegation aus den nordrhein-westfälischen Gedenkstätten im CET kennen. Gemeinsam mit israelischen Teilnehmenden aus Yad Vashem, dem CET und von anderen Gedenkstätten wurde über die Möglichkeiten eines Transfers in die Gedenkstättenarbeit diskutiert. Das von der deutsch-israelischen Schulbuchkommission entwickelte Material für die deutsche Seite kann beispielsweise über Links in Schulbüchern von den Schülerinnen und Schülern selbst heruntergeladen werden. Mit Hilfe interaktiver Elemente und dem Einbau von YouTube-Videos werden die Schülerinnen und Schüler an E-Learning-Plattformen herangeführt.

Bildungsmaterial, dass multiperspektivisch deutsch-jüdische Geschichten über den Holocaust hinaus erzählt

In der Einheit „Zweier Heimatländer Schmerz – Deutschsprachige Einwanderer nach Palästina in den 1930er Jahren“ können sich Schüler durch die hier notwendige Multiperspektivität der deutsch-jüdischen Geschichte ein Bild von dieser Einwanderungsbewegung machen, sie verstehen und auch ihre Nachwirkungen für die israelische Gesellschaft nachvollziehen. Beides, die inhaltliche und die technische Ebene, sind für Gedenkstätten interessant: Dass die deutsch-jüdischen Beziehungen bewusst mehr umfassen als die Geschichte des Holocausts ist eine Grundformel sowohl dieses Materials als auch der Arbeit vieler NS-Gedenkstätten. Und digitale Angebote für eine weitere, angeleitete Selbstbeschäftigung mit den Themen bereitzustellen, bietet womöglich auch den außerschulischen Erinnerungsorten neue Perspektiven.

Das gleiche gilt auch für eine Lerneinheit, die das „Das Luxemburger Abkommen und die große Alija“ zum Thema hat (wobei unter Alija hier die Einwanderungswelle europäischer Juden in den neu gegründeten Staat Israel zu verstehen ist). Auch hier wird konsequent multiperspektivisch gearbeitet. So können junge Menschen eben auch einen differenzierten Blick auf einen weiteren Abschnitt der deutsch-israelischen Geschichte neben der NS-Verfolgung und dem millionenfachen Mord an Juden durch die Nationalsozialisten erhalten. Dieser differenzierte und multiperspektivische Blick ist eine dringend benötigte Ergänzung der Darstellung Israels in den deutschen Schulbüchern. Denn diese habe weitaus mehr zu bieten, als die ausschließliche Behandlung im Kontext des Holocausts, wie auch Dr. Dirk Sadowski vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung betonte. Er gehört so wie Dr. Martin Liepach vom Jüdischen Museum Frankfurt der Deutsch-Israelischen Schulbuchkommission an, die mit Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Geschichtsdidaktiker der Universität Leipzig, der Vorsitzende des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW leitet. Gemeinsam haben sie nicht nur die im Workshop vorgestellten Bildungsmaterialien entwickelt, sondern auch diesen internationalen Austausch ermöglicht.

Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Dr. Dirk Sadowski und Dr. Martin Liepach setzen zusammen mit den israelischen Kolleginnen und Kollegen auf diese Weise die zentrale Befunde ihrer Forschungen um: Bisher findet jüdische Geschichte nach 1945 kaum Erwähnung in deutschen Schulbüchern, betonte Dr. Liepach. Als eine „fatale Engführung“ kritisierte Prof. Dr. Kenkmann das Vorgehen der Schulbuchautoren, den Staat Israel nur auf seine vermeintlich kriegstreibende Rolle im Nah-Ost-Konflikt zu reduzieren. Um dies aufzuheben und den Jugendlichen in Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen andere Blickwinkel und Perspektiven zu ermöglichen, entstanden die neuen Angebote. Beide Einheiten werden übrigens auf Deutsch und Hebräisch verfügbar sein und somit als vorbereitendes Material für einen Schüleraustausch oder andere binationale Angebote genutzt werden können.

Für die israelische Seite hat das CET zahlreiche weitere online verfügbare Einheiten ausgearbeitet, welche in den drei Fächern Geschichte, Erdkunde und Sozialwissenschaften genutzt werden können. Auch hier ist die Multiperspektivität eine wichtige Voraussetzung. Die israelischen Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur mehr über die Geschichte des eigenen Landes erfahren, sondern auch über die Geschichte Deutschlands und somit Gemeinsamkeiten, wie Migrationserfahrungen, aber auch Unterschiede festmachen können.

Das deutschsprachige Material befindet sich teilweise noch in der Entwicklungsphase, sodass die Gedenkstättenvertreterinnen und -vertreter auf diesem internationalen Workshop teilweise erstmals die Unterlagen evaluieren konnten. Dementsprechend ist mit einer allzu schnellen Implementierung in das deutsche Bildungssystem nicht zu rechnen. Ganz konkret muss neben rechtlichen Fragen des Datenschutzes beispielsweise sichergestellt werden, dass jede Schülerin und jeder Schüler Zugang zu einem Laptop oder PC besitzt. Eine Frage der Ressourcen des Landes NRW ist es also, dass die Teilhabe an Bildung weiterhin keine Frage des Einkommens der Eltern darstellen soll, wenn sich langfristig gesehen Online-Angebote durchsetzen sollen. Die im Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und –Erinnerungsorte in NRW vernetzten Einrichtungen hingegen werden die Impulse, die von diesen Materialien ausgehen, sicher aufgreifen und in ihre bisherige Arbeit einbinden können.

Gedenkstätten in NRW und Yad Vashem erarbeiten zusammen Bildungsmaterial

Das gilt in besonderem Maß für den Austausch in Yad Vashem. Denn die NS-Geschichte aus mehreren Blickwinkeln zu vermitteln, ist Anspruch der zentralen Holocaustgedenkstätte in Israel, Yad Vashem. Die Delegation besuchte nun die Sonderausstellung „Flashes of Memory – Fotografie im Holocaust“ und arbeitete vor Ort zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen vom German Desk mit neuen Bildungsmaterialien, die gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Gedenkstätten in NRW und der Gedenkstätte Yad Vashem entwickelt wurden. Das Thema dieses Angebots ist das Verbrechen in Bialystok 1941, bei welchem von Ordnungspolizisten und Wehrmachtssoldaten in der Stadt Bialystok nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung von über 2.000 Personen brutal ermordet wurde. Bei dieser Bildungseinheit liegt der Schwerpunkt darauf sowohl die Opfer- als auch die Täterperspektive darzustellen. Um dies zu ermöglichen, wird zunächst die Situation vor 1941 dargestellt. Das Massaker an der jüdischen Bevölkerung wird durch Zitate von beteiligten Polizisten, jüdischen Bewohnern, polnischen Einwohnern und Wehrmachtssoldaten deutlich gemacht. Den Abschluss bildet die Beschäftigung mit dem Prozess in Wuppertal 1967/1968, bei welchem 14 Männer angeklagt worden waren. Ziel der Einheit ist nicht nur den Schülerinnen und Schüler den individuellen Handlungsspielraum von den Beteiligten aufzuzeigen, sondern auch die individuelle Verantwortung jedes Einzelnen klar herauszustellen.

Neben der inhaltlichen Diskussion wies Prof. Dr. Kenkmann allerdings auch auf eine Gefahr der Digitalisierung für die Arbeit mit Quellen als eine zu erlernende historische Kernkompetenz hin: „Wenn Schülerinnen und Schüler auf die Frage: Mit welcher Art von Quelle arbeiten wir gerade? mit PDF! antworten, sei das mehr als bedenklich für den Geschichtsunterricht.“

Unter Leitung von Prof. Dr Alfons Kenkmann, Dr. Dirk Sadowski und Dr. Martin Liepach ermöglichten vor allem die Vertreter der israelischen Einrichtungen einen wertvollen binationalen Erfahrungsaustausch. Ein besonderer Dank geht daher an die gastgebenden Institute: das Matach-Institute (Center for Educational Technology) in Tel Aviv und an die International School for Holocaust Studies Yad Vashem (German Desk) in Jerusalem. Finanziell gefördert wurde die Reise durch die Landeszentrale für politische Bildung NRW, die in enger Verbindung mit dem Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW den Austausch in der Erinnerungskultur zwischen NRW und Israel unterstützt.

(Bericht von Mareike Antepoth, Lukas Esser und Philipp Erdmann, Foto von Stefan Querl)

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